Warum nicht selbst Geschichte schreiben?

von Ulrich Weiß, Gruppe „Wege aus dem Kapitalismus“

Hegel bejubelte einst den Pariser Sonnenaufgang von 1789: „Tief ist das Gefühl, dass das Staatsgebäude, so wie es jetzt noch besteht, unhaltbar ist … Soll man nicht das Unhaltbare selbst verlassen wollen?“ Statt Menschlichkeit aber blühten das „Bereichert Euch!“ und die Gewalt. Die unerfüllte Hoffnung auf lebendige Gemeinschaft trieb Hölderlin ins antike Griechenland und in den Wahn. Sein Freund Hegel dagegen fasste die Welt in Gedanken und die bürgerliche Gesellschaft als barbarischen Fortschritt auf dem Weg zur Freiheit. In seiner Logik, in diesen „abstrusen Felsenmelodien“ (Marx), kramen heute wieder Suchende nach geistigen Mitteln eines scheinbar absurden Geschäfts: Eine Gesellschaft zu denken, die es noch nicht gibt. Nachdem Millionen Menschen das Morgenrot als sozialistische Gesellschaft schon gesehen zu haben meinten, jetzt wieder Rückgriffe auf Hegel und auf Hölderlins Poesie, um ein Verlassen des Unhaltbaren denken zu können?

So schlecht steht´s um konkrete Utopien. Aber auch so gut, denn wer es wagt, einen aufgehobenen Kapitalismus zu denken, kann heute Erstaunliches entdecken: Bedingungen und Keime einer Vergesellschaftung jenseits von Verwertung und Staatlichkeit. Franz Schandl (Freitag 25 vom 11. Juni) und Stefan Meretz (Freitag 26 vom 18. Juni) betreten dieses Feld, und gleich wird´s interessant. Niels Boeing dagegen (Freitag 22 vom 21. Mai) setzt auf kleinteilige Produktionen, will Warenproduktion beibehalten und (Welt-) Geld als Triebkraft von Innovationen und Konjunktur bewahren. Er will also die „guten“ Seiten der Verwertung, aber nicht die „bösen“ – Kapital ohne die Logik des Kapitals. Statt diesem alten, schon von Marx kritisierten „Proudhonschen Quark“ nachzuhängen, fragen wir doch mit dem Blick aus der gedachten nichtkapitalistischen Zukunft: Stecken in dem, was uns heute als Katastrophe entgegentritt, Möglichkeiten einer neuen Welt?

Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für die Produktion von Gütern sinkt drastisch. Wunderbar! Wäre da nicht die kapitalistische Form der (Erwerbs)Arbeit, in der sie hervorgebracht werden und über die die Menschen erst Zugang zum materiellen Reichtum erhalten und – nun immer mehr davon ausgeschlossen sind.

Neue Arbeitsformen machen es denkbar, Nützliches massenhaft in schöpferischer, selbstbestätigender und damit genussvoller Weise herzustellen. Das Produzieren selbst könnte menschliches Bedürfnis sein. Herrlich! Würde nicht der Verwertungszweck, die Herrschaft abstrakter Macht über das Ganze, den Genuss menschlicher Mächtigkeit arg beeinträchtigen. Heute wird tatsächlich fast jeder Jubel „über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet“ (Brecht).

Weltoffenheit, Beweglichkeit von Menschen, Gütern und Ideen sprengen alte Borniertheiten, traditionelle Clan-Herrschaft, Patriarchat, Provinzialität. „Schöne, weite Welt“ könnte man singen. Doch massenhaft werden alte Verhältnisse zerstört, ohne dass sich nachhaltige Lebensperspektiven öffnen. Warum? Weil herrschafts- und wertförmige Globalisierung, weil Verwertungsdruck auch die letzten persönlichen Beziehungen und zivilisatorische Chancen in Katastrophen verwandelt. Menschen, die sich nicht oder elend rechnen, treiben so in fundamentalistische, barbarische Proteste gegen die kapitalistische Modernisierung.

Die Utopie ist schon da, diffus, aber erkennbar

Überall Teufelskreise, so scheint es. Darin sollen Möglichkeiten einer menschlichen Welt stecken? Ja, allerdings nur erkennbar aus einer Sicht, die längst zur Losung von Kritikern der kapitalistischen Globalisierung geworden ist: „Die Welt ist keine Ware.“ Mitten unter uns, in der heutigen Welt, deren Reichtum „als eine ›ungeheure Warensammlung‹“ (Marx) erscheint, ist sie, die Utopie samt ihren Trägern. Diffus, aber erkennbar. Eine Gesellschaft, in der Menschen keine Waren sind, auch keine Ware Arbeitskraft, in der nützliche Dinge nicht als Werte hergestellt und nicht als solche erworben werden müssen, in der Menschen sich zu ihren Produkten wie zu Gegenständen ihres Bedürfnisses verhalten. Die Welt – keine Ware! Wenn Konkretes die Zusammenfassung wesentlicher Bestimmungen ist, nenne mir jemand eine konkretere Utopie! Wer das heute Unhaltbare verlassen will, muss eine Vergesellschaftung begründen, die frei ist von Lohnarbeit, frei von Verwertungszwängen, frei von Staatlichkeit.

„Dächte ich wie du“, entgegnen mir geschätzte Personen, „dann würde ich verrückt.“ Kommunismus als Tagesaufgabe, ist das nicht widersinnig? Stahlwerke, Krankenhäuser, Bildung, öffentlicher Verkehr, all das ohne Lohnarbeit, ohne staatliche Regulierung? Berechtigte Fragen. Doch ich gebe sie zurück. Im alten aufklärerischen Sinne sind sie tatsächlich nicht zu beantworten. „Dass sich das größte Werk vollende, genügt ein Geist für tausend Hände.“ Die bürgerliche Aufklärung, auch der Erziehungs-“Sozialismus“, teilte so wie Goethe die Gesellschaft in Wissende (Herrschende) und Geführte. So ist große Geschichte entstanden. Doch der heutige Zustand kann nur in einer Praxis aufgehoben werden, in der theoretisches und praktisches Aneignen der Welt nicht verschiedenen Menschengruppen zufällt, in der nicht die einen den anderen die Welt erklären, in der nicht Entfremdung, Privateigentum, Akademismus und Staat reproduziert werden.

Das wissend, verzweifle ich nicht daran, dass solches Denken (und Handeln) den meisten Menschen widersinnig erscheint. Ich nehme Tatsachen zur Kenntnis, auf die Stefan Meretz verwies. Über die ganze Welt verstreut entwickeln Tausende aus Freude am Schöpfertum, an der Bestätigung der eigenen und kollektiven Fähigkeit eine so komplexe Sache wie das Betriebssystem Linux – keine Ware, frei verfügbar und entwickelbar für und durch jedermann. Freie Software entwertet Microsoft, andere Firmen und Waren und macht zugleich die Welt sachlich reicher. Scharen von Anwälten, die kapitalistische Umwelt überhaupt drängen dahin, dies Schöpfertum wieder in Eigentums- und Wertformen einzubinden. So wie das Indianerland in Chiapas zum Rechtsgegenstand und zur Ware gemacht werden soll, so darf auch in den Metropolen kein verwertungsfreier Raum existieren.

Vom gutwilligen Reformisten zum Anpeitscher des beklagten Zustandes

An den Rändern der Gesellschaft, so in Landkommunen mit gewisser Selbstversorgung, versuchen auch Metropolenmenschen schon lange, den Zumutungen der Verwertung zu entgehen. Bewundernswert, doch der Preis ist oft hoch: Aufgabe zivilisatorischer Standards, auch Maschinenstürmerideologien, Selbstbeschränkung, Abgrenzung. Mit der freien Software schaffen nun aber – aus höchster kapitalistischer Produktivität heraus – bürgerlich vielfach freie Individuen, Technikfreaks, neue soziale Räume. Sie assoziieren sich als tatsächlich freie Menschen, verlassen Grundinstitutionen der bürgerlichen Gesellschaft – die Wert-, Besitz- und Rechtsform – und stellen weltweit Bedürftigen Nützliches zur freien Verfügung. Weder Waren noch Eigentum noch knechtende Arbeitsteilungen herrschen hier über Menschen – eine freie Springquelle wirklichen menschlichen Reichtums.

Nie hatten wir Bilder von der kommunistischen Vergesellschaftung (oder nur real-“sozialistisch“ falsche) – die Geschichte ist dabei, sie hervorzubringen! Solche Keim-Formen des Reiches der Freiheit entstehen zu einer Zeit, da die Verwertungsgesellschaft ihren menschlichen Zusammenhalt verliert. Viele Menschen, Konservative und Linke, sehen das mit Grauen. Ob an politischen Schalthebeln, ob mit „oppositionellen“ Schreien nach „Arbeit, Arbeit“ oder nach keynesianischer (Welt-)Regierung – unvermeidbar werden sie selbst zu Anpeitschern des beklagten Zustandes.

Politik und Reformen der kapitalistischen Produktionsweise sind das falsche Feld. Wachsende Teile des Volkes ahnen: Hier ist nichts Menschliches mehr zu holen. Grundsätzliches Misstrauen gegenüber Politik(ern) und Wahlboykotte sind erfreuliche erste Schritte einer notwendigen allgemeinen Suchbewegung.

Wie kann es ganz anders gehen? Das ist die einzig sinnvolle Frage. Heute erfasst der Verwertungsprozess in den Metropolen wie auch global in noch viel größerem Maße als früher menschliche Lebens- und Arbeitsweisen, Mentalitäten und Gewohnheiten. Selbst Familienstrukturen, das Entstehen, Großziehen und Bilden von Kindern, Liebe, all das wird den zunehmend isolierten Individuen als zu bezahlende Ware präsentiert. Das geschieht eben in einer Gegenwart, da (anders als es der Arbeiterbewegungsmarxismus dachte) aus dem Kern des High-Tech-Kapitalismus heraus tatsächlich Ausbrüche aus der Wertförmigkeit stattfinden. Parallel dazu verliert die bürgerliche Gesellschaft die einstige Fähigkeit, immer neues Leben auf eine solche Weise in den Kapitalkreislauf einzusaugen, dass – durch alle Barbarei hindurch – doch auch Leben erhalten und Zivilisation befördern werden konnte. Entgegen Franz Schandl bestehe ich auf der Anerkennung dieser bürgerlichen Zivilisationsleistung als unverzichtbare Voraussetzung menschlicher Emanzipation. Durch die heutige High-Tech-Produktivität allerdings erledigt sich in den Metropolen der einstige Bedarf an lebendiger Arbeitskraft, damit die Basis erfolgreicher (proletarischer) Kämpfe um Zivilisation, damit die Grundlagen des Sozialstaates.
Traditionelle Lebensweisen könnten ihren einst konservativen Charakter verlieren

Diese neue Schöpferkraft bringt einen ungeheuren sachlichen Reichtum hervor, der aber immer weniger von der Summe verausgabter Arbeitszeit – der einzigen Quelle der Verwertung – abhängt, in ihr nicht mehr gemessen werden kann. Die Verwertungsmöglichkeiten des Kapitals auf High-Tech-Niveau ersticken in der von ihm hervorgebrachten Produktivität. Dank dieser Schöpferkraft werden immer weniger Menschen als Produzenten gebraucht, fallen also als zahlungsfähige Käufer aus, stehen zur Entsorgung an. In der Kapital-Logik wird es sinnlos und unmöglich, weiterhin über staatliche Regulierungen die allgemeinen Existenzbedingungen und sozialen Netze ganzer (privilegierter) Nationen zu erhalten. Der unaufhaltsame Prozess der Entstaatlichung galoppiert. Keine neue Politik, keine Wirtschaftsreform, auch keine Weltregierung, sondern nur die Aufhebung der Verwertungswirtschaft kann dies ändern. An diesem historischen Punkt wird eine neue Lebens- und Produktionsweise möglich und notwendig.

Was geschieht nun mit den traditionellen, auch in den Metropolen noch weit verbreiteten Formen menschlicher Bedürfnisbefriedigung, die nicht direkt über Verwertung vermittelt sind? Angesichts der parallel beginnenden Ausbruchstendenzen aus dem High-Tech-Kapitalismus (Freie Software ist nur ein Beispiel) können Verteidigung, Modifikation und Ausbau solcher „alten“ Lebensweisen ihren einst konservativen, romantischen Charakter verlieren. Sie können zu Momenten einer neuen postkapitalistischen Vergesellschaftung werden. Was bedeutet es, wenn sich unter diesen heutigen Bedingungen Menschen zueinander als Menschen verhalten, nicht als Kunden, Verkäufer, Lohnarbeiter, Chefs nicht als Charaktermasken, wenn sie sich zu Kindern bekennen, die sich nun wirklich nicht rechnen, zu alten Menschen, zur Liebe, die immer aufs Ganze geht – wenn sie sich also den Zumutungen der Verwertungen, der Karrieren, des sich selbst Verkaufens auch nur partiell und bewusst entziehen?

„Das, mein Kind,“ sang Gundi Gundermann, „das ist heute schon Revolution.“ Zukunft kann heute nicht mehr als Kampf Klasse gegen Klasse, Staat gegen Staat erfochten werden, sondern nur durch das unmittelbare Begründen und Verteidigen eines Lebens jenseits von Klasse, Staat, Verwertung. Das in aller Geschichte schon vorhandene Kommunistische kann nun wirklich und endlich geschichtsmächtig werden. Das ist das „Verrückte“ – das angeblich Unmögliche wird zum einzig Realistischen.

Stahlproduktion, Krankenhäuser, Bildung? Fragen über Fragen, die beantwortet werden müssen, aber auch beantwortet werden können, wenn man das Mensch-sein-Wollen (Stefan Meretz) behauptet, wenn man in neuen Praxisformen, wie beispielsweise in den Assoziationen der freien Software-Freaks, sich dem Mainstream entgegenstellt und neue Gewohnheiten und Mentalitäten entwickelt. Brüche, Sprünge, Unfreundlichkeiten und Niederlagen sind dabei unvermeidlich. Das ist nicht nur Spaß. Aber um solche praktische Aufhebung des Kapitalismus lohnt es sich zu streiten. Politiker und Publizisten mögen sich in alten Wert- und Machtkategorien weiter Währungs-, Wahl- und Regulierungstricks ausdenken, um die Kapitallogik zu überlisten. Aber wer will sich für dieses Kino mit seinem unhappy end noch begeistern?

Erschienen in: Freitag (Berlin),25.Juni 2004. Link hier.


1 Antwort auf “Warum nicht selbst Geschichte schreiben?”


  1. 1 Christian Siefkes 21. September 2007 um 16:46 Uhr

    Wer das heute Unhaltbare verlassen will, muss eine Vergesellschaftung begründen, die frei ist von Lohnarbeit, frei von Verwertungszwängen, frei von Staatlichkeit.

    Siehe auch hier: Request for Comments: Die Peer-Ökonomie.

    Selber Tag, anderer Blog – da scheint ein Thema in der Luft zu liegen :-)

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.