Interview: Schafft Arbeit Lebenssinn?

Interview mit Maria Wölflingseder von Anja Keglevic für die „Salzburger Nachrichten“ anlässlich der 6. Österreichischen Armutskonferenz in Salzburg am 19./20.10 2005, bei der sie referierte.
In der Ausgabe vom 5./6.11.2005 erschienen.

Was fällt Ihnen zum Begriff Arbeit ein?

„Arbeit“ hängt mit einem germanischen Verb zusammen, das „verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein“ bedeutet, noch im Mittelhochdeutschen meint es „Mühsal“, „Plage“, „unwürdige Tätigkeit“. Das französische „travailler“ und das spanische „trabajo“ leiten sich aus dem lateinischen „tripalium“ ab: eine Art Joch, das zur Folter von Sklaven eingesetzt wurde. Das russische „robota“ leitet sich von „rob“– „Sklave“, „Knecht“ – ab. Bis zur Antike gab es den Begriff „Arbeit“ überhaupt nicht. Er entstand erst als Bezeichnung einer fremdbestimmten Tätigkeit unter Aufsicht und Befehl von anderen Personen. Davor gab es keine Abstraktion, die die Verausgabung von Arbeitskraft bedeutet, deren Inhalt dem Ausführenden gleichgültig zu sein hat. Während in vorkapitalistischen Zeiten die Arbeit als notwendiges Übel angesehen wurde, war der Beginn der Neuzeit der Anfang ihrer ideologischen Verklärung. Mit aller nur erdenklichen brachialen Gewalt wurde den Menschen das Arbeitsprinzip, das Arbeitsethos eingebläut. Heute ist es in den industriell entwickelten Ländern gar nicht mehr notwendig, Zwang auszuüben, er wurde gänzlich verinnerlicht.

Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserer Gesellschaft und welchen Zweck erfüllt Sie?

Arbeit dient immer weniger dazu, für die Menschheit Sinnvolles und Notwendiges herzustellen oder zu verrichten, sondern das einzige Kriterium ist, was lässt sich verkaufen. Das ergibt selten mensch- und naturverträgliche Produkte und Produktionsweisen. Im Kapitalismus ist es oberstes Prinzip, Geld zu verdienen, also Profit zu machen, Mehrwert zu schaffen. Unsere Wirtschaftsweise führt zur Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche. Wer hätte es je für möglich gehalten, dass Post, Bahn, Schulen, Unis, Krankenhäuser nach beinharten marktwirtschaftlichen Kriterien funktionieren müssen?

Welche Alternativen sehen Sie zur gegenwärtigen Arbeitsmarktpolitik?

Reichtum existiert in der modernen kapitalistischen Gesellschaft immer doppelt: als sinnlich-stofflicher Reichtum (Nahrung, Häuser, Kleidung) und als Geldreichtum. Der sinnlich-stoffliche Reichtum hat aber keine eigene Existenzberechtigung, sondern nur eine als abstrakter Geldreichtum, also, wenn er zur Ware wird. Es wäre überhaupt kein Problem, genug Güter, genug Nahrung, gesunde Lebensbedingungen für alle bereitzustellen, es ist nur ein Problem sie immerzu in Geld, in Ware, in Wert zu verwandeln. Die Reichtumsproduktion wurde also von der Arbeit entkoppelt. Wenn man den Zwang, aus Geld immer mehr Geld machen zu müssen bzw. den Zwang, Geld haben zu müssen, hinter sich ließe, könnten problemlos alle Menschen auf der Erde mit geringem zeitlichen und personellen Aufwand gut versorgt werden. So aber klafft das, was für die Wirtschaft gut ist und das, was für die Menschen gut ist immer weiter auseinander. Die mörderische Warenlogik, der Zwang, dass alles erst zur Ware werden und gekauft werden muss, bevor es genossen werden darf, ist totalitär geworden. Trotzdem wagt heute kaum jemand, über das kapitalistische System hinauszudenken. Für die meisten Menschen ist eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von Gütern ohne Tausch und ohne Zwang undenkbar. Aber nur so kann es ein gutes Leben für alle geben. Auch mit einem Grundeinkommen würde die mörderische Warenlogik noch nicht durchbrochen werden, weil das Geld, das verteilt wird, ja unter kapitalistischen Bedingungen erwirtschaftet werden muss.

Welchen Anteil hat Arbeit an der Identität des Menschen und was passiert, wenn sie als fixer Bestandteil „abhanden“ kommt?

Die Menschen sind heute Sklaven des Zwangs, Geld haben zu müssen. Sie sind genötigt, jeden noch so sinnlosen, entwürdigenden Job anzunehmen, der immer seltener zum Überleben reicht. Da in unserer Gesellschaft nur jemand mit Arbeit als vollwertiges Mitglied gilt, fühlen sich alle ohne Job minderwertig und ohne Lebenssinn. Aber was glauben Sie, wie die Menschen aufblühen würden, wenn sie nur mehr das machten, das dem Wohl von Mensch und Natur diente, und sie viel Zeit und Muße hätten für das „eigentliche Leben“, die ureigensten Interessen, die Kunst und vor allem für andere Menschen.


2 Antworten auf “Interview: Schafft Arbeit Lebenssinn?”


  1. 1 L. Blisset 21. September 2007 um 17:38 Uhr

    In der Herleitung der Begriffe fehlen die englischen Begriffe, Friedrich Engels dazu in einer Fußnote des Kaptitals:
    “Die englische Sprache hat den Vorzug, zwei verschiedne Worte für diese zwei verschienen Aspekte der Arbeit zu haben. Die Arbeit, die Gebrauchswerte schafft und qualitativ bestimmt ist, heißt work, im Gegensatz zu labour; die Arbeit, die Wert schafft und nur quantitativ gemessen wird, heißt labour, im Gegensatz zu work.”

    MEW 23 – Das Kapital Band 1, S. 61f, Fußnote 16

    Leider ist mir die etymologischer Herleitung von „work“ unbekannt, labour kommt, nehmich mal an, aus dem Lateinischen und hat was mit Mühe zu tun

  2. 2 Friend auf GA 23. September 2007 um 9:45 Uhr

    labor kommt von „das wanken unter einer last“

    zu „work“ steht hier was:
    http://www.etymologie.info/~e/u_/uk-arbeit.html

    „Das engl. „work“ geht wie das dt. Werk“ auf ein altes Wort mit der Bedeutung „Flechtwerk“ zurück.“

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