Widerspruch und Praxis – Das Grundeinkommen und die emanzipatorische Linke

Der folgende Text wurde erstveröffentlicht im der Ausgabe 41/2007 der Streifzüge.
Er kann Online bei OpenTheory diskutiert werden.

von Julian Bierwirth

Dass wir Kapitalismus haben, also in einer Gesellschaft leben, in der unser Leben nicht zuletzt durch selbstzweckhafte Realabstraktionen wie Arbeit und Geld bestimmt wird, ist nicht schön, aber durchaus zu ändern. Auch wenn der warenproduzierende Gesamtmoloch dazu neigt, die ihm unterworfenen Menschen tendenziell total unter seine Prinzipien zu subsumieren, so tut er dies doch niemals vollständig. Denn es handelt sich hier um ein widersprüchliches System, das genau in dieser Widersprüchlichkeit auch immer wieder Möglichkeiten zur emanzipatorischen Intervention bietet. Damit wäre dann auch die Aufgabe kritischer Theorie umrissen: den emanzipatorischen Kräften innerhalb der sozialen Bewegungen eine Analyse von den Widersprüchen mitzugeben, die diese dann nach kritischer Reflexion thematisieren können. 1
Insofern ist der Kapitalismus nicht einfach nur das „Falsche“, aus dem es kein Entrinnen gäbe. Entsprechend können antikapitalistische Interventionen niemals ‚absolut‘ sein in dem Sinne, dass sie sich in ihrer radikalen Kritik zwar den RezipientInnen vermitteln, zu deren Lebensrealität aber keinen Bezug haben. Wenn die Intervention für die kapitalistisch sozialisierten Menschen überhaupt noch einen Sinn machen soll, muss sie in irgendeiner Form an deren Sein und Bewusstsein anknüpfen, muss die gesellschaftlichen Widersprüche in den Zusammenhang stellen, in den sie gehören.

Das Grundeinkommen als Illusion

Das gilt auch für das ‚Bedingungslose Grundeinkommen‘ (BGE) als politische Forderung. Für den Kapitalismus grundlegend ist der Zusammenhang von Arbeit und Geld, oder, in anderen Worten, der Zusammenhang zwischen Leistung und dem Zugriff auf gesellschaftlichen Reichtum. Entsprechend konstituieren sich erfolgreiche kapitalistische Volkswirtschaften auch immer als Leistungsgesellschaften. Dieser Zusammenhang lässt sich, da ist Ernst Lohoff2, Ulrich Weiß3 und vielen anderen KritikerInnen umstandslos Recht zu geben, auch nicht einfach durch Ignoranz wegdefinieren. Er ist der Praxis der Menschen in einer warenproduzierenden Gesellschaft eingeschrieben und nicht Idoelogie nur im Sinne von notwendig falschem Bewusstsein. Das BGE möchte den Zusammenhang von Arbeit und Geld kappen, an Arbeit und Geld aber festhalten. Das BGE ist eben kein „Gegenkonzept zu den Entfremdungsbedingungen des politisch-ökonomischen Systems“, wie das auch Erich Ribolits durchaus richtig festgestellt hat.1

Das Grundeinkommen als Möglichkeit

Jedoch knüpft die Forderung nach dem BGE durchaus an Punkten an, die die Widersprüchlichkeit des Kapitalismus ans Licht zerren. Denn das Leistungsprinzip, auch wenn es sich nicht qua Gesetzesbeschluss abstellen lässt, wird durch die Forderung nach dem BGE zumindest ideell in Frage gestellt. Es sollen plötzlich Menschen Zugriff auf gesellschaftlichen Reichtum erhalten, obwohl sie vorher nicht gearbeitet haben! Das widerspricht einer traditionellen, arbeitszentrierten Politikvorstellung, wie sie in den großen Parteien vorherrscht. Entsprechend lässt sich auch feststellen, dass sozialdemokratische Parteien und Gewerkschaften sich mehr als schwer tun, auf den Zug mit aufzuspringen.

Das BGE stellt die Vermittlung der gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten über Geld und Staat in Frage – und eröffnet damit die Debatte um eine Vergesellschaftung jenseits dieser Prinzipien. Das mag von den BGE-BefürworterInnen nicht gewollt sein, sie werden aber auch nicht darum herumkommen.

Keine Nebenwidersprüche

Darüber hinaus lassen sich auch noch weitere Themenfelder anhand dieser Forderung anreißen. So gibt es etwa einen Bereich von Tätigkeiten, der zwar für die kapitalistische Warenproduktion unabdingbar ist, in dieser aber nicht aufgeht und deshalb als von ihr „abgespalten“ begriffen werden kann.2 Die Tätigkeiten in diesem abgespaltenen Bereich sind entsprechend nicht unter die Lohn-, Wert- und Leistungsprinzipien subsumiert, bilden aber ihre stille Voraussetzung. Aus dieser „Realabspaltung“, die sich im täglichen Handeln der Menschen konstituiert, entspringt dann auch eine reale, gesellschaftliche Abwertung dieser Tätigkeiten und der sie in aller Regel und noch immer ausübenden Menschen: der Frauen. Diese systematische Abwertung des Weiblichen wird durch die Forderung nach einem Grundeinkommen ebenfalls berührt: Was wäre ein besseres Beispiel für die Relativität des Leistungsprinzips als der schlichte Hinweis, dass schon heute ein Großteil der lebenswichtigen Tätigkeiten faktisch nach anderen Prinzipien verrichtet wird, wenn diese auch nicht als positiver Bezugspunkt dienen können?

In den 70er Jahren knüpfte hier die Debatte um „Lohn für Hausarbeit“ an. Wert und Lohn wurden als positiver Bezugspunkt angesehen, für den zu kämpfen sich lohnte. Auch die Tätigkeiten im Haushalt sollten diesen Prinzipien unterworfen, häusliche Tätigkeit entgolten werden. Diesen Weg beschreitet die Grundeinkommensdebatte nicht. Sie stellt lediglich fest, dass es diese Tätigkeiten gibt, dass es nur wenig sinnvoll wäre, sie in Ware-Geld-Beziehungen zu integrieren – dass ihre gesellschaftliche Abwertung aber ebenfalls ein Skandal ist. Darum sollen sie nun anerkannt werden – jenseits der Lohnform. Damit wird zwar noch nicht die Geld-, aber doch immerhin die Arbeitsontologie aufgebrochen.

Die Herleitung des BGE als Forderung nach der Teilhabemöglichkeit aller stellt zudem die Fragen nach nationalistischen und rassistischen Ausschlüssen. Warum etwa soll in vielen Konzepten das BGE nur für StaatsbürgerInnen gelten? Die Begründungen dafür fallen eher mau aus und verweisen auf rassistische Denkstrukturen, die dem humanistischen Pathos, mit dem das BGE legitimiert wird, direkt widersprechen. Es lässt sich hier also auch ein antirassistischer Diskurs anknüpfen, wird doch mit der allgemeinmenschlichen Herleitung des Grundeinkommens und seiner partikularen Umsetzungsstrategie ein nicht wegzuredender Widerspruch aufgemacht, den es zu politisieren gälte.

Wie funktioniert ‚Soziale Bewegung‘?

Oft wird eine Intervention in das soziale Kampffeld BGE mit der Begründung abgelehnt, ein nicht zu unterschätzender Teil der dort vorhandenen Positionen sei reaktionär. Diese Einschätzung beruht auf einer verfehlten Vorstellung von sozialen Kämpfen im Allgemeinen. Diese Position findet sich aber nicht nur innerhalb der BGE-Kritik, sondern auch etwa innerhalb linksradikaler Kritiken an den G8-Protesten wieder. Solange nicht die reine Lehre vertreten wird, möchte sich niemand so richtig in die Auseinandersetzung begeben. Ähnlich wie der deutsche Nachbar den heiligen Rasen mittels Gartenzaun schützen möchte, soll auch hier das gute linke Gewissen vor verunreinigenden Positionen geschützt werden, auf dass es auch weiterhin im hellen Glanz strahle.

Diese Vorstellung geht allerdings an der Realität innerhalb sozialer Bewegungen vorbei. Die sind nämlich immer wilde, unübersichtliche Zusammenhänge von Menschen mit unterschiedlichstem sozialem und politischem Hintergrund. Was sie verbindet, ist ein ganz spezielles Interesse an einer bestimmten Sache. Das kann der Schutz der Umwelt genauso sein wie die Verhinderung von Studiengebühren oder das Erkämpfen besserer Arbeitsbedingungen.

Entsprechend ist es, wie Christoph Spehr zu Recht festgestellt hat, „keine besonders originelle Entdeckung, wenn jemand mit Feuereifer darlegt, diese oder jene Bewegung sei ja gar nicht umfassend emanzipativ. Natürlich nicht. (…) Es ist ein langatmiger, verwickelter Kampf (…) und er besteht nicht nur im Kampf sozialer Bewegungen gegen das Establishment, sondern mindestens ebenso sehr im Kampf um die sozialen Bewegungen selbst.“3

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum neuerdings (fast) alle Parteien versuchen, ihre sozialpolitischen Forderungen an die Debatte um ein BGE anzudocken: Egal wie weit Bürgergeld, Negative Einkommensteuer oder die diversen Grundsicherungsmodelle von der Idee des BGE entfernt sind – die PolitstrategInnen versuchen jeden Vorschlag als eine weitere Variante des Grundeinkommens zu klassifizieren. Das führt einerseits dazu, dass die Modelle verwässert werden, die ursprünglichen Ideen verloren gehen. Es sorgt aber andererseits auch dafür, dass die Debatte eine Dynamik bekommt, die ihr eine Relevanz verleiht, die sie ohne die positive Bezugnahme nahezu beliebig vieler gesellschaftlicher Gruppen nicht bekommen hätte.

Genauso würde es also für emanzipatorische Kräfte darum gehen, innerhalb sozialer Kämpfe die Auseinandersetzung mit ModernsierungsfetischistInnen, traditionellen SozialdemokratInnen und anderen mehr oder minder unangenehmen Subjekten aufzunehmen. Doch scheut das an der Kritischen Theorie geschulte linke Gewissen genau davor nur allzuschnell zurück – und vergräbt sich weiterhin im Lesekreis.

Vom Grundeinkommen zum Grundauskommen

Die Forderung nach einem BGE und das soziale Feld seiner BefürworterInnen sind ebenso widersprüchlich wie der Kapitalismus selbst. Aber es bieten sich Anknüpfungspunkte, um kritisch in vorhandene Debatten intervenieren zu können. Dabei muss der Ausgangspunkt jedoch (wie immer) eine genaue Analyse des speziellen „Kampffeldes“ sein. Es gilt die Gefahren und Risiken der Debatte zu erfassen, die blinden Flecken im Diskurs zu erkennen und die Richtung einzuschlagen, in die sich der Prozess sinnvollerweise verändern sollte.4

In Bezug auf das BGE heißt das, den um sich greifenden Wahn, grundsätzliche Reflexion durch realpolitische Rechenmodelle zu ersetzen, zu unterlaufen. Ein Beispiel für eine solche Intervention bietet die Forderung nach einem „Grundauskommen“, wie sie von der Gruppe „180° – Für einen neuen Realismus“ aufgestellt wurde.5 Dabei geht es vor allem um den Versuch, die Forderung nach einer Welt jenseits von Leistungszwang und Arbeitswahn, von sachlicher Herrschaft ebenso wie von Herrschaft überhaupt in den Mittelpunkt der Debatte zu rücken.

Ausblick – Neue Kritik braucht neue Kämpfe

Mit der Wertkritik ist die Linke in eine neue Phase der Kritik an der warenproduzierenden Gesellschaft eingetreten. Was ihr aber noch fehlt, ist eine adäquate Art und Weise, diese Kritik innerhalb sozialer Auseinandersetzungen praxisrelevant werden zu lassen. Dabei darf sicherlich nicht der alte Fehler des traditionellen Marxismus wiederholt werden, der die Theoriebildung den Anforderungen der politischen Tagessituation untergeordnet hat. Ein dem entgegengesetztes Vorgehen, bei dem eine Art „ideeller Gesamttheoretiker“, der mit den praktischen Kämpfen der Menschen nichts zu tun haben will, wäre jedoch die andere Seite der Medaille, sozusagen die einfache Negation.

Stattdessen käme es wohl aber darauf an, eine politische und theoretische Situation zu schaffen, in der kritische Theoriebildung und praktische Intervention in politische Kämpfe beide zu ihrem Recht kommen, ohne als völlig unabhängig voneinander zu gelten. Unabhängig davon, wie das im Detail aussehen könnte, zeichnet sich doch ab, dass eine Intervention wie die oben skizzierte in der Debatte um ein Grundeinkommen ein Testfeld für diesen Anspruch hat.

Anmerkungen:

  1. Erich Ribolits: Grundeinkommen – Bedingung der Möglichkeit von Bildung? http://www.streifzuege.org/texte_str/str_06-38_ribolits_grundeinkommen.html [zurück]
  2. Vgl. hierzu zunächst: Scholz, Roswitha: Der Wert ist der Mann. In: krisis 12, online: http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=15&posnr=25&backtext1=text1.php [zurück]
  3. Christoph Spehr: Die Aliens sind unter uns. Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter. München 1998, Seite 248. [zurück]
  4. Erste Schritte in diese Richtung sind verschiedene Beiträge in den „Streifzügen“ bereits gegangen. Darüber hinaus scheint mir das von Andreas Exner, Werner Rätz und Birgit Zenker herausgegebene Buch „Grundeinkommen. Soziale Sicherheit ohne Arbeit“ hier ein wesentlicher Debattenbeitrag. Zur Rezension des Buches siehe http://grundauskommen.blogsport.de/2007/08/29/rezension-grundeinkommen-soziale-sicherheit-ohne-arbeit/ [zurück]
  5. Vgl. dazu www.grundauskommen.net [zurück]

Geld ist tückisch

Fast alle diskutieren es, in Deutschland mindestens. Die meisten sind dagegen. Die dafür sind, werden mehr. Das muss nicht gut sein.

von Andreas Exner, Redaktion Streifzüge

Deutsche Grüne können lernen. Nachdem sie Hartz IV verbrochen haben, kommt nun Reue über sie. Ein gewaltig schlechtes Gewissen muss da auf manch einer ökologisch-sozial Bewegten lasten. Erst im Frühjahr hieß es deshalb, gar nicht mal so überraschend, die grüne Basis hieße es willkommen: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Weniger begeistert war davon die grüne Führung. Nun sickert durch, die Grünen würden ernsthaft ein „Teilgrundeinkommen“ diskutieren, „in einer ersten Stufe“, so die Formulierung. Der Lack ist davon schneller ab, als einer schauen kann. Das „Teilgrundeinkommen“ wäre, rein finanziell betrachtet, Hartz IV (ALG II-Regelsatz 345 Euro) plus 75 Euro. Der Unterschied: bedingungslos soll es sein. Dazu käme dann noch ein Wohnkostenzuschuss. Für den hätte eins allerdings wie eh und je beim Staat zu betteln. (mehr…)

Den Kampfhund bändigen

Nicht um den Fetisch „neue“ Gesellschaft tanzen, sondern täglich die alten Spielregeln außer Kraft setzen

von Stefan Meretz

In der Vergangenheit herrschte auf einem Sechstel der Erde die Vorstellung, dass nach der Konzentration aller Kräfte auf den Staat das Morgenrot schon leuchten werde. Diese Besessenheit ist aus guten Gründen passé. Die sozialdemokratischen Geschwister des Staatssozialismus, die eher sanften Attacken auf das Verfügungsprivileg der Kapitaleigner, sind ebenfalls verschwunden. Wirtschaftsdemokratie und Beteiligung am Produktivvermögen – irgendwie scheinen auch diese zarten Reformpflanzen den Anschluss an die heutige Zeit verloren zu haben. Was also bleibt? Wo sind die Hoffnungsträger, die Keime für eine postkapitalistische Ökonomie? Wenn es den großen alternativen Entwurf schon nicht gibt, dann wird das alltägliche Anders-Handeln vielleicht um so wichtiger. (mehr…)

Arbeit schändet! – der: Warum die Diskussion um ein Grundeinkommen so schwer in Gang kommt.

Arbeite nur, wenn du das Gefühl hast, es löst eine Revolution aus. Joseph Beuys

Von Franz Fend

Wir bekommen es seit frühester Kindheit eingehämmert. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Der paulinische Drohruf gegen die Korinther ist längst zur Volksweisheit geronnen. Weit und breit niemand, der dem was entgegensetzen wollte. Schon die kindlichen literarischen Erfahrungen weisen den Weg: Im Märchen von der Frau Holle wird jene junge Frau, die das Brot aus dem Ofen holt, das Fallobst klaubt und die Betten untertänig und ohne Murren macht, mit Gold überhäuft. Welche Lüge, denn noch niemand ist mit Gold überhäuft worden wenn er/sie der Erwerbsarbeit nachgegangen ist. Die Strafen in diesem Märchen hingegen sind wesentlich glaubhafter. Jene junge Frau, die sich der vorherrschenden Arbeitsmoral widersetzt hat, wird mit Pech übergossen, das sie ihr ganzes Leben nicht mehr von ihrem Leib herunterbekommt. Sie ist stigmatisiert. Gezeichnet fürs Leben. Dass der Freiherr von Knigge etwa zur selben Zeit schulmeistert: „Sei pünktlich, ordentlich, arbeitsam, fleißig in deinem Beruf!“, passt genau ins Bild. (mehr…)

Warum nicht selbst Geschichte schreiben?

von Ulrich Weiß, Gruppe „Wege aus dem Kapitalismus“

Hegel bejubelte einst den Pariser Sonnenaufgang von 1789: „Tief ist das Gefühl, dass das Staatsgebäude, so wie es jetzt noch besteht, unhaltbar ist … Soll man nicht das Unhaltbare selbst verlassen wollen?“ Statt Menschlichkeit aber blühten das „Bereichert Euch!“ und die Gewalt. Die unerfüllte Hoffnung auf lebendige Gemeinschaft trieb Hölderlin ins antike Griechenland und in den Wahn. Sein Freund Hegel dagegen fasste die Welt in Gedanken und die bürgerliche Gesellschaft als barbarischen Fortschritt auf dem Weg zur Freiheit. In seiner Logik, in diesen „abstrusen Felsenmelodien“ (Marx), kramen heute wieder Suchende nach geistigen Mitteln eines scheinbar absurden Geschäfts: Eine Gesellschaft zu denken, die es noch nicht gibt. Nachdem Millionen Menschen das Morgenrot als sozialistische Gesellschaft schon gesehen zu haben meinten, jetzt wieder Rückgriffe auf Hegel und auf Hölderlins Poesie, um ein Verlassen des Unhaltbaren denken zu können? (mehr…)

Interview: Schafft Arbeit Lebenssinn?

Interview mit Maria Wölflingseder von Anja Keglevic für die „Salzburger Nachrichten“ anlässlich der 6. Österreichischen Armutskonferenz in Salzburg am 19./20.10 2005, bei der sie referierte.
In der Ausgabe vom 5./6.11.2005 erschienen.

Was fällt Ihnen zum Begriff Arbeit ein?

„Arbeit“ hängt mit einem germanischen Verb zusammen, das „verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein“ bedeutet, noch im Mittelhochdeutschen meint es „Mühsal“, „Plage“, „unwürdige Tätigkeit“. Das französische „travailler“ und das spanische „trabajo“ leiten sich aus dem lateinischen „tripalium“ ab: eine Art Joch, das zur Folter von Sklaven eingesetzt wurde. Das russische „robota“ leitet sich von „rob“– „Sklave“, „Knecht“ – ab. Bis zur Antike gab es den Begriff „Arbeit“ überhaupt nicht. Er entstand erst als Bezeichnung einer fremdbestimmten Tätigkeit unter Aufsicht und Befehl von anderen Personen. Davor gab es keine Abstraktion, die die Verausgabung von Arbeitskraft bedeutet, deren Inhalt dem Ausführenden gleichgültig zu sein hat. Während in vorkapitalistischen Zeiten die Arbeit als notwendiges Übel angesehen wurde, war der Beginn der Neuzeit der Anfang ihrer ideologischen Verklärung. Mit aller nur erdenklichen brachialen Gewalt wurde den Menschen das Arbeitsprinzip, das Arbeitsethos eingebläut. Heute ist es in den industriell entwickelten Ländern gar nicht mehr notwendig, Zwang auszuüben, er wurde gänzlich verinnerlicht.

Welchen Stellenwert hat Arbeit in unserer Gesellschaft und welchen Zweck erfüllt Sie?

Arbeit dient immer weniger dazu, für die Menschheit Sinnvolles und Notwendiges herzustellen oder zu verrichten, sondern das einzige Kriterium ist, was lässt sich verkaufen. Das ergibt selten mensch- und naturverträgliche Produkte und Produktionsweisen. Im Kapitalismus ist es oberstes Prinzip, Geld zu verdienen, also Profit zu machen, Mehrwert zu schaffen. Unsere Wirtschaftsweise führt zur Durchkommerzialisierung aller Lebensbereiche. Wer hätte es je für möglich gehalten, dass Post, Bahn, Schulen, Unis, Krankenhäuser nach beinharten marktwirtschaftlichen Kriterien funktionieren müssen?

Welche Alternativen sehen Sie zur gegenwärtigen Arbeitsmarktpolitik?

Reichtum existiert in der modernen kapitalistischen Gesellschaft immer doppelt: als sinnlich-stofflicher Reichtum (Nahrung, Häuser, Kleidung) und als Geldreichtum. Der sinnlich-stoffliche Reichtum hat aber keine eigene Existenzberechtigung, sondern nur eine als abstrakter Geldreichtum, also, wenn er zur Ware wird. Es wäre überhaupt kein Problem, genug Güter, genug Nahrung, gesunde Lebensbedingungen für alle bereitzustellen, es ist nur ein Problem sie immerzu in Geld, in Ware, in Wert zu verwandeln. Die Reichtumsproduktion wurde also von der Arbeit entkoppelt. Wenn man den Zwang, aus Geld immer mehr Geld machen zu müssen bzw. den Zwang, Geld haben zu müssen, hinter sich ließe, könnten problemlos alle Menschen auf der Erde mit geringem zeitlichen und personellen Aufwand gut versorgt werden. So aber klafft das, was für die Wirtschaft gut ist und das, was für die Menschen gut ist immer weiter auseinander. Die mörderische Warenlogik, der Zwang, dass alles erst zur Ware werden und gekauft werden muss, bevor es genossen werden darf, ist totalitär geworden. Trotzdem wagt heute kaum jemand, über das kapitalistische System hinauszudenken. Für die meisten Menschen ist eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von Gütern ohne Tausch und ohne Zwang undenkbar. Aber nur so kann es ein gutes Leben für alle geben. Auch mit einem Grundeinkommen würde die mörderische Warenlogik noch nicht durchbrochen werden, weil das Geld, das verteilt wird, ja unter kapitalistischen Bedingungen erwirtschaftet werden muss.

Welchen Anteil hat Arbeit an der Identität des Menschen und was passiert, wenn sie als fixer Bestandteil „abhanden“ kommt?

Die Menschen sind heute Sklaven des Zwangs, Geld haben zu müssen. Sie sind genötigt, jeden noch so sinnlosen, entwürdigenden Job anzunehmen, der immer seltener zum Überleben reicht. Da in unserer Gesellschaft nur jemand mit Arbeit als vollwertiges Mitglied gilt, fühlen sich alle ohne Job minderwertig und ohne Lebenssinn. Aber was glauben Sie, wie die Menschen aufblühen würden, wenn sie nur mehr das machten, das dem Wohl von Mensch und Natur diente, und sie viel Zeit und Muße hätten für das „eigentliche Leben“, die ureigensten Interessen, die Kunst und vor allem für andere Menschen.

Welchen Reichtum?

(Dieser Text erschien zum ersten Mal anlässlich der 3. Oekonux-Konferenz. Hier soll es uns weniger um die Frage der Bedeutung freier Software gehen, als vielmehr um die dabei angerissenen unterschiedlichen Dimensionen stofflichen und monetären Reichtums.)

von Franz Nahrada

Die Dritte Oekonux-Konferenz trägt das Motto: „Reichtum durch Copyleft“. Mit der Wahl dieses Mottos sind zwei Annahmen oder Hypothesen verbunden, die Gegenstand der Konferenz sein werden: Erstens wird dem wirtschaftlichen System, das mit geistigem Eigentum verbunden ist, zumindest von einigen Teilnehmern des Diskurses die Legitimation bestritten,dass es ein System ist, das Reichtum per se produziert. Die reichtumshemmenden Potenzen, so die These, entfalten sich progressiv mit der Informatisierung und dem Vergesellschaftungsgrad der Arbeit.Und zweitens geht es um die Frage,ob der Zweck Reichtum nicht in einer anderen Form des Wirtschaftens besser aufgehoben wäre, das sich ganz generell durch die Abwesenheit von geistigem Eigentum (Lizenzen, Patente, Nutzungsausschluss im Urheberrecht etc.) auszeichnet.Kann man an freier Software also nicht nur eine andere Produktionsweise studieren, sondern eine, die grosso modo genau die Resultate hervorbringt, die die herrschende Wirtschaftsform nur mehr in der Form des Dementis kennt – Reichtum und Wohlstand für alle?

Eine solche Argumentationsstrategie tut gut daran, sich ihrer eigenen Voraussetzungen zu versichern.Denn die Arbeiterbewegung als organisierte „Besetzung der Kommandohöhen der Volkswirtschaft“ ist ja mit denselben beiden Annahmen angetreten. Genüsslich wird ihr vom Gewinner des Systemvergleichs das historische Scheitern der alternativen Produktionsweise, die so alternativ nicht war, unter die Nase gehalten. Der rastlose Drang des als Privateigentum organisierten Reichtums sich zu vermehren gilt so als die einzig sichere Methode der Reichtumsproduktion,um deren Erträge man sich einzig streiten dürfe. Dass dieser Drang Mensch, Natur und Reichtum kaputt macht, dieser Beweis ist also ebenso wenig überflüssig wie der komplementäre, dass eine andere Art der Reichtumsproduktion existiert, die tatsächlich so universell und nachhaltig ist wie der Kreislauf von Geld, Kapital und Ware. (mehr…)

Grundeinkommen: Gelobtes Land oder Illusion?

von Andreas Exner, Redaktion Streifzüge

Im Angesicht der Ware gilt menschliches Leben lediglich als Kaufkraft. Die Kraft zu kaufen wiederum resultiert aus der Fähigkeit, sich am Arbeitsmarkt verkaufen, also selbst als Ware auftreten zu können. Wo einer immer größeren Zahl an Menschen diese Möglichkeit versagt bleibt, weil das Kapital auf Arbeitskraft verzichtet und statt dessen auf die produktive Kraft vergangener Arbeit setzt – den Maschinen vor dem humanen Kapital also den Vorzug gibt –, da lässt auch die Kaufkraft nach. Die Existenzberechtigung der „Ladenhüter“ gerät in Verruf, bis dass der Staat – gelangt er an das Ende des Kredits, mit dem das Sozialsystem er unter anderem finanziert –, diese widerruft. Die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen erfährt in dieser Situation einen neuerlichen Aufschwung. Nach dem Willen seiner Befürworterinnen soll es allen Menschen individuell und ohne Arbeitsleistung oder Bedürftigkeitsprüfung in existenzsichernder Höhe ausbezahlt werden. Das klingt gut. Doch weist diese Debatte tatsächlich den Weg in ein besseres Leben? (mehr…)

Das Grundauskommen im Radio

Am 23. Juli gab es im Stadtradio Göttingen eine Folge des monatlichen Magazins „BB On Air“, die sich mit dem ‚Bedingungslosen Grundeinkommen‘ beschäftigt hat. Am Ende gab es einen Kommentar, der das ‚Bedingungslose Grundeinkommen‘ und das ‚Grundauskommen‘ einander gegenübergestellt hat.

Dieser Kommentar kann als mp3 runtergeladen werden.

Oder direkt hier gehört werden:

Rezension: Grundeinkommen – Soziale Sicherheit ohne Arbeit

Die Debatte um das ‚Bedingungslose Grundeinkommen‘ ist in vollem Gange. An den Universitäten werden erste Seminare zu diesem Thema angeboten und wie Pilze schießen die unterschiedlichsten Finanzierungsmodelle aus dem Boden. Und langsam aber sicher entsteht auch ein Fundus an begleitender, mal wissenschaftlicher, mal belletristischer Literatur. Zu diesem Fundus hat sich nun ein neues Werk gesellt, das der genaueren Betrachtung wert scheint. Unter dem Titel „Grundeinkommen – Soziale Sicherheit ohne Arbeit“ haben Andreas Exner, Werner Rätz und Birgit Zenker einen ebenso umfangreichen wie lesbaren Debattenbeitrag herausgegeben. (mehr…)